Der Preis des Hedonismus

Hallo liebes Tagebuch,

hier ist Dein Kuschel wieder mal. Ja, ich habe lange Zeit nichts von mir hören lassen und Dich sträflich vernachlässigt. Das hat viele Gründe. Klar ist da zuerst mal das neue „Der Zorn des Lich Stiers“, was bei uns auf der Weide eingetroffen ist, und zum anderen Sachen, die einen aus der Vergangenheit einholen.

Das Rindvieh im Allgemeinen, und das vergnügungssüchtige im Besonderen sind faul. Sehr faul. Das ist auch normal und soll bis zu einem gewissen Maße so sein. Es ist durchaus eine Form von Wohlbefinden, wenn man sich einfach gemütlich ins Gras legt und alle Hufe von sich streckt. Und wenn die Herde niemand antreibt, dann bleibt man einfach da, wo Gras ist. Es gibt ja keinen Grund, woanders hinzugehen. Es tut einem nichts weh, keiner treibt einen an.

So kann es durchaus mal passieren, dass man 20 Jahre nicht beim Veterinär war. Es tut einem ja nichts weh, und solange die Hufe einen tragen, warum sollte man etwas ändern. Bis man irgendwann merkt, dass man so langsam und schleichend einrostet. Ist man früher noch abends in den Biergarten gegangen, oder hat sogar am Wochenende mal die ein oder andere Vergnügungswiese besucht, so schläft das aus Kosten- und Faulheitsgründen manchmal immer mehr ein.

Man nimmt sich also fest vor, mal zu den Kollegen auf die Galoppierweide zu gehen, um ein wenig Auslauf zu haben. Der Vorsatz alleine genügt nicht, da schiebt man immer mehr vor. Man muss es fest wollen, sonst wird das nichts. Selbst Schicksalsschläge sollten einen nicht davon abhalten, aber sie tun es trotzdem. Es ist erstaunlich, wie kreativ man in seinen Ausreden sich selbst gegenüber sein kann. So kann dann ein weiteres Jahr vergehen, bis man sich endlich einmal aufrafft, und zu den sportlichen Pferden nebenan geht.

„Toll, dass Du mal vorbeischaust. Zu spät ists nie, also lass uns mal schauen, wo Du mitrennen kannst“, das war schonmal einfach. „Öh, also… wann warst Du das letzte Mal beim Veterinär?“ Mist. Erwischt. Es scheint wirklich offensichtlich zu sein und Spuren zu hinterlassen. „Viel können wir erstmal nicht machen, Du musst zum Tierdoc, da geht nichts dran vorbei. Wenn Du Rindvieh uns umklappst, kriegt Dich kein Pferd mehr hoch, das wollen wir nicht. Aber wir fangen mal mit langsamem Trab an, das ist nie verkehrt.“ Prima. Hm… das macht ja sogar Spaß, richtig Spaß! Zurück auf der Wiese könnte man ganze Bäume ausreißen. Auch wenn es mit Sicherheit noch keine körperlichen Auswirkungen hatte, so hats wenigstens „klack“ im Hirn gemacht, und der Wiederkäuer ist aufgewacht. Langsam hocharbeiten, das wird schon.

Ach, da war ja noch die Sache mit dem Veterinär. Verdammt. Wenn man 20 Jahre nicht da war, dann kann ja in der Zeit… ach Du liebes Kleeblatt… ich wills besser gar nicht wissen… aber ich muss. Es bringt nichts, es noch weiter hinaus zu schieben, es kann nur schlimmer werden, nicht besser. Was ein Glück, er kann erst in 3 Wochen. Wenigstens ein bisschen Schonfrist. Aber ist das wirklich eine Schonfrist? Nicht wirklich. Je mehr Zeit man hat, umso schlimmer kann man sich ausmalen, was da auf einen zukommt. Nochmal zu den Pferden. Das hat wirklich Spaß gemacht und total entspannt. Und das Argument, dass man vorher ja schon keine Zeit hatte, und dann für sowas keinen Platz im Terminkalender, zieht nicht. Man bekommt es problemlos in seinen Terminplan. Wenn man will. Nochmal ein kurzer Checkup „Heiliges Hufeisen! Also das ist ja noch viel schlimmer geworden seit letztem Mal, Du musst unbedingt zum Veterinär! Vorher können wir mit Dir echt nur kleine Runden auf der Koppel drehen!“ Klar ist es schlimmer geworden, denn jetzt habe ich Angst. So richtig Angst. Kein Wunder, dass meine zu vielen Kilo Lebendgewicht bei Checkups nach den Nachrichten jetzt in Alarmbereitschaft gehen. DefCon 1 ist angesagt.

Solche 3 Wochen können ganz schön lange sein, das sage ich Dir, liebes Tagebuch. Und was man sich alles für Gedanken machen kann in diesen 3 Wochen, wie oft man sich beim Schlachter sehen kann, das geht auf keine Kuhhaut. Aber die Woche danach sollte noch länger sein… Endlich kam der Termin beim Veterinär. Der misst… natürlich nochmal eine Nummer schlimmer als beim letzten Check… „Wenn ich nicht wüsste und merken würde, dass Du aufgeregt und nervös bist, würde ich Dich gleich zur Notschlachtung geben.“ Ist jetzt nicht wirklich so, dass mich das überrascht hätte… Dann lasse ich mal alles über mich ergehen, was er mit mir anstellt, ich kann ja sowieso nichts dagegen tun, und zu meinem schlechtesten ist es bestimmt nicht. „Nicht gut, da das schon seit längerer Zeit so ist, ist Dein Herz in Mitleidenschaft gezogen, und das nicht zu knapp.“ Okay, das waren solche Dinge, die ich eigentlich nicht hören wollte. Genausowenig wie die Geräusche bei der Untersuchung desselben, die man zwar nicht zuordnen kann, ob sie gut oder schlecht sind, aber die man natürlich immer als beängstigend und bedrohend hört. „Nichts, was wir nicht in den Griff bekommen können, also reif für den Schlachter bist Du noch nicht“. Puh. Der erste Lichtblick seit ein paar Wochen. Ganz ehrlich. Man malt sich ja schließlich alles mögliche schlimme aus. „Montag vor Deinem ersten Gras wieder hier, dann wird gepiekst.“ Meine letzte Spritze war auch 20 Jahre her… Aber okay, auch wenn ich logischerweise bei diesem Onkel Doc noch nie war, er macht mir Mut. Wirkt beruhigend und nicht dramatisierend. Es war mal wieder gut, beim Doc gewesen zu sein. Das Gefühl zu bekommen, wenigstens in absehbarer Zukunft Sicherheit über sich zu bekommen, und nicht mit medizinischem Halbwissen immer wieder in sich rein zu hören, und Dinge zu vermuten, die vielleicht gar nicht da sind, und dafür andere noch schlimmere zu überhören. Ein paar Pillen verschrieben, kein Ding.

Montagmorgen, noch völlig schlaftrunken, ich glaube da hätte man alles mit mir machen können. Das Pieksen war harmlos. Aber dann fings im Kopf an. Jetzt wird da schließlich alles gecheckt. Leber, Niere, Zucker, Krebs, Maul- und Klauenseuche, was weiß ich alles. Und es kommt gnadenlos ans Licht, egal was es ist. Und bei fünf Mägen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass einer was abbekommen hat. Denkt man sich zumindest so als Laie. Vor allem, wenn man alles andere als gesund lebt, hat man ja eigentlich auch allen Grund dazu.

Drei Tage später wieder zum Veterinär, das Ergebnis abholen. Es ist nicht toll, wenn man direkt beim Aufstehen schon seinen Puls und Blutdruck jenseits des Pluto suchen kann, so hoch wie beide sind, und das über den ganzen Tag natürlich nicht weniger sondern eher mehr wird. Dann endlich abends hin. „Das Ergebnis der Untersuchung ist: Alles in Ordnung soweit.“ Hö? Das kann nicht sein. Ich bin totsterbenskrank? Checkup. „Ist auch gut runtergegangen zum letzten Mal, und mit Nervosität ist das voll in Ordnung.“ Hm… „Klar, das Gemessene vom letzten Mal und das mit dem Herz ist noch da, aber die Pillen haben auch angeschlagen, Du gehst zu den Pferden galoppieren, alles bestens. Bin sehr zufrieden. Das wird. Nächste Woche brauchen wir uns nicht zu sehen, wie eigentlich gedacht. Komm mal in 4 Wochen wieder.“

Liebes Tagebuch, kennst Du diese Momente, in denen Du in den Wald gehen könntest und vor Freude so laut schreien, wie es geht und noch viel viel lauter? Die ganze Welt umarmen? Jedem erzählen, wie toll man sich gerade fühlt, wie glücklich man gerade ist, und wie riesig das Hufeisen war, das einem gerade im wahrsten Sinne des Wortes vom Herzen gefallen ist?

Das war gestern. Nun kennst Du so ein bisschen den Grund, warum ich in den letzten Wochen so lethargisch war, und Dich vernachlässigt habe. Heute abend nach dem Almabtrieb gehe ich wieder zu den Pferden, und ich freu mich drauf. Jetzt erst Recht. Und das erste Mal seit 20 Jahren gehe ich in ein Wochenende, und weiß, dass es mir gut geht. Abgesehen vom wichtigsten Schatz in meinem Leben gibt es nicht viel, was so wertvoll ist auf dieser Welt, wie dieses Wissen. Das weiß ich jetzt.

Dein Kheng.

4 Replies to “Der Preis des Hedonismus”

  1. 😉
    Das mit den Pferden kann ich nur allzugut nachvollziehen. Hab gestern seit einem halben Jahr mal wieder so richtig Auslauf gehabt und es hat mir sehr viel Spass gemacht.
    Ich glaub ich werd heut wieder eine Runde auf der Wiese drehn.

  2. Sweet 🙂
    Hab ja lang nicht mehr hier reingeschaut, aber das hast du wirklich schön beschrieben!
    Ich mag ja Pferde an sich nicht so, aber trotzdem tut Auslauf wirklich gut! Gute Entscheidung

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