Wir trauern…

… um das Privatleben eines Blizzard Mitarbeiters. Micah Whipple aka Bashiok wollte demonstrieren, dass es völlig ungefährlich ist, seinen wirklichen Namen Internet-öffentlich zu publizieren.

Gut, das tue ich auch, schließlich gibt es eine Impressumspflicht. Und auch Micah Whipples Name stand schon des Öfteren zu lesen, wie er schreib in Spieleanleitungen und Projektbeteiligten.

Aber das hier ist anders. Auch wenn sein Name vorher nicht wirklich unöffentlich war, war dies in Verbindung mit dem Posting der falsche Ort und die falsche Zeit. Die Demonstration ging völlig nach hinten los. Wobei, wirklich nach hinten? Jein. Sie unterstreicht nur sehr eindrucksvoll, was passieren kann, und entlockt den Kritikern ein genüssliches „q.e.d.

Wie Mem schon schrieb und es auf WoW-Riot ebenfalls in english steht, wurde er binnen sehr kurzer Zeit zum gläsernen Blizzard-Mitarbeiter. Eine Person, von der nicht einmal die Schule der Kinder oder private Fotos verborgen blieben.

Schnell war sein Facebook-Account gelöscht, und sein Twitter-Account ebenfalls.

Es tut mir wahnsinnig leid um ihn, ganz ehrlich. Er sollte wohl ein Bauernopfer sein. Aber auch wenn mich mein Bruder (sein Artikel zu dem Thema) gnadenlos im Schach abziehen würde, weiß ich doch so viel, dass Bauernopfer anders aussehen.

Eine sehr eindrucksvolle Demonstration, warum es die bislang aller aller aller dümmste Idee von Blizzard war (die übertreffen sich seit einiger Zeit beeindruckenderweise dauernd selbst), öffentlichen Realnamenzwang einzuführen. Und nein, das ist kein Opt-In, wie es propagiert wird. Die Alternative „Ihr müsste ja nichts im Forum schreiben“ ist KEIN Opt-In!

Was immer seit weit über einem Jahr bei Blizzard in der Kantine ins Essen getan wird, es ist nicht gut!

Es gibt einen Unterschied zwischen Anonymität und Diskretion. Anonymität geht in diesem Falle einher mit Anarchie. Dagegen bin ich auch, denn im Gegensatz zum Stammtischwissen vieler Politiker, die das immer noch nicht verstanden haben, ist das Internet KEIN rechtsfreier Raum. Es gelten dort Gesetze wie überall anders auch, und oh Wunder: Sogar exakt die gleichen!

Diskretion ist es, wie wir es auf  Freizeitparkweb halten: Wer seinen echten Namen erscheinen lassen will, der darf das tun. Aber wer ihn nicht neben seinen Beiträgen sehen will, der kann ihn auch ausblenden. Das ist keine Anonymität, denn die Benutzer sind der Administration namentlich bekannt. Es erspart bloß in manchen Situationen das, was dem armen Micah Whipple jetzt passiert ist.

Und nein, ich mache es nicht schlimmer, dadurch, dass ich seinen Namen laufend schreibe, das ist zu spät. Es ist egal, ob ich ihn schreibe oder nicht. Seine Privatsphäre im Internet ist dahin. Und ein eventuell nächster Arbeitgeber wird mit Sicherheit darüber stolpern. Das Internet vergisst nichts. Nie. Der arme Kerl tut mir ganz ehrlich furchtbar leid!

Update: Danke an Rictus für den Hinweis, dass es sich bei dem Gefundenen nicht wirklich um den besagten Blizzard-Mitarbeiter handelt, sondern um einen Unbeteiligten, bei dem jetzt Land unter ist. Das macht die ganze Sache noch prekärer, da es zeigt, was mit einer einfachen, nicht qualifzierten (also eindeutigen) Namensangabe angerichtet werden kann.

Das Internet, und insbesondere Web 2.0 hat eine Öffentlichkeit, deren sich viele nicht bewusst sind, und mit der viele leider nicht umgehen können. Man muss nicht alles schreiben und machen, nur weil man es kann. Und erst Recht vor diesem Hintergrund sollten Realnamen vor der Öffentlichkeit geschützt werden, wenn man das wünscht.

3 Replies to “Wir trauern…”

  1. Ich stimme dir absolut zu. Das ist einfach ein Bauernopfer (oder der Verlierer im Beamtenmikado der Mods) – der nun ähnlich wie früher einige andere CMs übel von der Community überfahren wird. Tatsächlich stinkt der Fisch (wie die meisten) vom Kopf her.

  2. Das wirklich perfide an der ganzen Geschichte sind allerdings zwei andere Sachen.

    Zum einen ist Bashiok ja nur peripher betroffen, denn die gefundene Adresse gehört zu einem Unbeteiligten, der nur dummerweise den gleichen Namen trägt und auch in Kalifornien wohnt (wenn gleich mit 9 Stunden Abstand zum Blizz-Hauptquartier). Und der ist es nämlich, der durch Telefonanrufe terrorisiert wurde, so dass sein Anschluss schliesslich abgestellt wurde.

    Und zum zweiten zeigt diese Hexenjagd auf einen Internet-Namen, dass der Zweck, nämlich die Verhinderung der Forenänderung, eben nicht die Mittel heiligt. Einen Kollateralschaden darf es da nämlich nicht geben, dass macht die Proponenten der guten Sache nicht besser als *chan-Arschkrampen, die cyberbullying als Freizeitspass veranstalten.

  3. Wobei mein Bruder da recht hat: Ein Bauernopfer sieht anders aus. Bauernopfer bedeutet, man opfert einen Bauern, um einen gewissen Vorteil dafür als Ausgleich zu haben – Königsangriff, Tempo, den Gegner in eine bedrängte Situation bringen, eine Linie erobern, Figuren gut postieren, Gegner lähmen und solche Sachen.

    Ich kann nicht sehen, wo hier ein Vorteil durch dieses „Bauernopfer“ entsteht. In der Schach-Fachsprache würde man wohl eher sagen: „Hier wurde ein Bauer eingestellt.“ (sprich: ein Bauer wurde stehen gelassen, so dass man ihn ohne Probleme einfach wegnehmen konnte und keinen Nachteil daraus gezogen hat).

    Übrigens finde ich den Unterschied zwischen Diskretion und Anonymität hier sehr schön, denn das zeigt den Unterschied auf. Ich bewege mich ja auch nicht anonym im Internet. Ich habe mich (durch meine Usenet-Vergangenheit) dazu entschieden, zu jedem Wort zu stehen, das ich schreibe und zwar mit meinem (guten) Namen. Aber das ist eine Entscheidung, die ich treffe und ganz bewusst treffe und ich bewege mich natürlich anders, wenn ich weiß, mein Name hängt daran oder ich bin anonym. Ich benutze normalerweise meinen normalen Namen aber genau deswegen, um mich zu zwingen, zu jedem Wort stehen zu müssen. Dennoch will ich diese Entscheidung aber jedes weitere Mal selbst treffen, _dass_ ich ihn benutze. Diese Entscheidung abgenommen zu bekommen ist eine ungeheure Unverschämtheit.

    Das ist übrigens auch der Unterschied zu Facebook und warum man auch als Facebook-Benutzer sich über dieses Feature aufregen darf. Ich entscheide selbst, was und wie ich es ins Netz stelle. In diesem Fall nimmt mir Blizzard aber diese Entscheidungsfreiheit weg. Wie Keng sagt: Die Foren nicht zu benutzen ist _kein_ Opt-In. Von der derzeitigen Sicherheitslücke mal ganz abgesehen.

    Wenn ich mich entscheide, Facebook zu benutzen, dann mache ich das ganz bewusst, denn ich weiß, was passiert. Wenn ich in ein WoW einlogge, dann ist das erst einmal ein Spiel, bei dem solche Konsequenzen nicht direkt ersichtlich sind und mir auch jegliche Einflussnahme abgenommen wird. Das ist das Problem.

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