Fahrradfahren mit Stützrädern

Nach Thottbot und ähnlichen Datenschleudern, dem Stasi-Armory, Recount und Gearscore scheint sich nun der nächste Sargnagel für ein einst so schönes Spiel auszubreiten: AVR. Also Leute, das geht jetzt eindeutig zu weit. Wo bleibt denn da noch der Spaß? Wo bleibt die Nische der wirklichen Herausforderung?

Als vorwiegend in WoW PvE-Spieler hatte ich mich ja lange Zeit dagegen verwehrt, dass PvE einfach nur das stumpfe Abspulen einer Choreographie ist. Es ist eigentlich schon wesentlich komplexer (was man alleine daran sieht, wie derbe schlecht viele PvP-Spieler im PvE sind, was erstaunlich ist, wo es doch so einfach sein soll). Aber das jetzt macht es definitiv dazu.

Wer schwimmt gerne mit Schwimmärmelchen? Wer fährt gerne Fahrrad mit Stützrädern? Wer läuft gerne Hürdenlauf mit umgekippten Hürden? Wie toll ist es, Muskeln mit irgendwelchen Mittelchen aufzubauen? Wie sinnfrei ist es, Senso zu spielen, wenn das Feld aufleuchtet, was man als nächstes drücken muss?

Ich bin enttäuscht, wirklich schwer enttäuscht. Ganz davon abgesehen, dass Spiele ohne Addon-Schnittstelle gesegnet sind und das auch bloß nicht ändern sollen, ist WoW leider nicht mehr weit entfernt von Progress Quest (danke an Mike für den Tip). In PQ ist mein Ur-Paladin übrigens Level 81. Wozu sollte man ein Spiel spielen, das überhaupt keine Herausforderung mehr stellt. Etwas, worauf man stolz sein kann. Etwas, von dem man auch noch in Jahren erzählen kann, was wirklich eine große Erinnerung ist. Ragnaros war das, Nefarian. Auch noch Kael’Thas oder Illidan. Aber was ist das jetzt? Dem Spiel wird kontinuierlich der Saft abgezogen, sodass auch der letzte Vollhorst zu seinen krassen lila Items kommt.

Aber was nützen die lila Items? Nichts. Sie sehen noch nicht einmal exklusiv aus, weil sie jeder an hat. Und jeder kann sie haben, indem er genug Sitzfleisch hat. Selbst für die letzten Movementkrüppel und Dumpfbacken werden die Encounter geöffnet. Als Argument muss seit einiger Zeit herhalten „Es hat ja auch jeder gleich viel bezahlt für den Content“. Bullshit. In einem Sportverein zahlt auch jeder den gleichen Vereinsbeitrag, aber trotzdem können nicht alle in die A-Mannschaft.

Es war doch früher so schön: Kurze Zeit, nachdem die ersten 5% der Gilden das Zeug clear hatten, kam der Nerf, fiel die Prequest weg oder ähnliches. Es konnte also schon früher jeder alles sehen, nur nicht gleich wenige Tage nach der Einführung. Stattdessen wird jetzt die Herausforderung zu Beginn immer kleiner, damit auch wirklich jeder hinein kann von Anfang an.  Und nein, eine Instanz in drölfzig verschiedenen Schwierigkeitsgraden anzubieten ist kein Ersatz für die Abwechselung in vergangenen Zeiten. Dabei wird die offene Welt vernachlässigt, die Gebiete sind allesamt tot, selbst die des aktuellen Addons. Neue WoW-Spieler wissen wahrscheinlich noch nicht einmal mehr, wo die Instanzeingänge sind, man wird ja praktischerweise direkt hineingeportet, wenn man will. Player driven content? Dazu läd das Spiel auch schon lange nicht mehr ein. Außerdem redet kaum einer mehr wirklich in Gruppen, der Spaß „zusammen“ tritt bei den meisten Raids und bei noch mehr 5er-Gruppen völlig in den Hintergrund. Ich spiele seit 2 Wochen Dragon Age (Blog-Eintrag kommt bald, Galerie gibt es schon). Und was soll ich sagen? Meine NPC-Begleiter reden mehr miteinander und mit mir, als ich im letzten halben Jahr in WoW ingame erlebt habe. Traurig.

Und in solch einer Zeit kommt so ein Addon auf den Markt. Klar, man kann das wirklich zu praktischen Dingen verwenden. Ich hätte gerne auch manchmal eine 3D-Hand, um im Spiel etwas zu zeigen. Aber brauche ich sie wirklich? Ich glaube nicht. Ich bin mir sicher, es wird anders verwendet werden, und das von einem Großteil der Raids. Bloß nicht mehr selbst denken, sich einen Überblick über die Situation schaffen, Dinge selbst einzuschätzen.

Warum sollte ich bei solchen Raids dann mitgehen? Ich sags gleich: Das werde ich nicht tun. Zumal das Schlimmste sein wird: Trotz der nun absoluten Trivialisierung von Encountern  wird es immer noch Vollpfosten geben, die es trotzdem nicht auf die Reihe bekommen werden. Der Weg dürfte also nicht mehr weit davon sein, dass am Eingang eines Encounters ein Hebel ist mit den Optionen „Kämpfen oder instant Loot“ (danke an Duo für das Bild).

Ich verstehe nicht, wie es immer noch so viele Itemgeier geben kann, die so krankhaft hinter dem Kram her sind. Ich gehe doch auch nicht an den Strand und bin am Sabbern „Jaaa! Saaand! Mehr Sand! Ich will noch mehr Sand! Und noch mehr Sand!“  Was ist denn Sand an einem Strand wert? Was sind denn lila Items in WoW wert? Was ist Reis in China wert?

Ich brauche wirklich nicht lange überlegen, um ganz sicher zu wissen, in welche Richtung AVR das Raiden in WoW treiben wird. Und das ist definitiv nicht mehr meins. Bedauerlicherweise wird Blizzard immer unkreativer im Content abseits von Raids. Dies wird doch nichts mit der tollen Firmenphilosophie eines Herrn Kotick zu tun haben?

„Kleingläubigkeit, Schwarzseherei und Angst“, „den Spaß aus der Entwicklung von Videospielen vertreiben“. Hört sich nach einer total tollen Taktik an in einem Markt, der von Kreativität und Spaß lebt. Also meine Langzeitmotivation ist derzeit auf dem absoluten Nullpunkt bei dieser Contententwicklung.

Jüngstes Beispiel der Abschröpferei: Das Mount im Blizzard-Shop. Ich habe nicht wirklich ein Problem damit, dass selbst in einem Spiel, welches ein Abomodell hat, Dinge zusätzlich gegen bares Geld verkauft werden. Das ist dann der Luxus, klar. Sowohl in Star Trek Online als auch in Dragon Age jetzt habe ich mir da einiges gegönnt. Mir ist klar, kein Spielehersteller ist die Wohlfahrt, und sie sollen ihr Geld auch für ihre Arbeit bekommen von mir. Und auch im Blizzard-Shop hatte ich die ersten 2 Haustiere gekauft. Aber bitte, was ist das jetzt? 20 (in Worten: ZWANZWIG!) Euro? Ist da irgendjemandem die Sicherung durchgebrannt?  Mal kurz auf Amazon schauen… „Wrath of the Lich King“ derzeit bei 20,77 Euro. Ja ist klar, das Mount kostet so viel, wie das ganze Addon. Und dann ist es noch nichtmal exklusiv, jeder Depp läuft damit rum. Also entweder ist es viel zu billig für die Exklusivität, oder es ist viel zu teuer für ein Goodie. Oder… halt… nein… Es hat genau den Preis, mit dem man am meisten Gewinn machen kann. Denn populär ist es ja diskussionslos. Mit Warteschlangen im Shop von berichteten 130.000 Leuten ist das Mount ein wahrer Goldesel für Blizzard. Ich gebe zu, mir gefällt es, und ich würde es gerne haben. Die 20 Euro sind auch nicht das Problem. Aber in mir sträubt sich etwas dagegen, was immer lauter sagt „langsam ist Schluss“. Ich bin gerne bereit für das Spiel zu zahlen, und auch für Zusatzinhalte, für „Luxus“. Aber wenn ich mir abgeschröpft und verarscht vorkomme, dann wirds gefährlich.

Ich denke, meine Entscheidung letzte Woche war die richtige. Ich habe, und viele von Euch wissen, was das für mich bedeutet, ich habe den WoW-Account meines Kuschels, dem Tauren-Shami, gekündigt. Das fiel mir nun wirklich nicht leicht. Wahrscheinlich wird er zum Leveln in Cataclysm wieder ausgepackt, aber erstmal habe ich ihn in den Winterschlaf geschickt.

Bei der Kündigung konnte man einen freien Text eingeben für die Begründung, und so erhielten Koticks Lakaien von mir:

– WotLK fehlt die Seele
– Transferpolitik hat Spielen auf Destromath kaputt gemacht
– Auch wenn mir klar ist, dass Blizzard nicht die Wohlfahrt ist, muss man nicht so stark durchschauen lassen, dass man die Spieler abschröpfen will
– Spiel ist zu leicht und banal geworden, weil die Entwickler zu sehr auf die Heuler gehört haben.
– Dadurch Weggang vieler sozialer Kontakte im Spiel, nicht zuletzt der Gilde

Ihr bekommt zu Cataclysm von mir wieder eine Chance. Verkackt es nicht

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