Cyber ist das neue Zombie

On 14. September 2015, in Otherland, by Keng

Vor vielen Jahren waren es Vampire. Mit denen kamen dann die Werwölfe. Dann sind Zombies so richtig angesagt bis heute. Aber hört auf Euren Keng, der den Hipstern wie immer voraus ist: Cyber ist in!ol1

 

Ich tippe auf zwei Reaktionen auf das Bild: 1. „Das sind doch Bücher?“ 2. „Ist das nicht eingestellt worden, weil die pleite gegangen sind?“

Und beide stimmen 🙂

Die vierteilige Romanreihe „Otherland“ von Tad Williams wurde 1996-2001 veröffentlicht. „Die Handlung spielt in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts in einer Welt, in der das Netz (eine Weiterentwicklung des Internets) das gesamte Leben dominiert. Durch Implantate, die direkt mit den Sinnesnerven verbunden sind, und andere Technologien ist es mittlerweile möglich, sich völlig in virtuelle Realitäten und Simulationen einzuklinken und diese hautnah zu erleben. Viele Menschen verbringen den Großteil ihres Lebens in virtuellen Umgebungen, einige haben sich fast völlig aus der realen Welt zurückgezogen. Der Zugang zum Netz und die Qualität der Instrumente und Implantate, die die Nutzung virtueller Realitäten ermöglichen, sind ein wesentliches soziales Statusmerkmal. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist nicht nur in diesem Bereich tiefer als in der Realität des beginnenden 21. Jahrhunderts. “ (Quelle Wikipedia, das muss ich nicht nochmal mit eigenen Worten tippen 🙂 ). Vorweg: Im Gegensatz zu den Büchern ist der Handlungsort dieses Spiels ausschließlich die virtuelle Realität, soweit ich das bislang sehe.

2008 begann das Studio RealU mit Gamigo zusammen an einem MMORPG zu arbeiten, was auf diesen Büchern basiert. 2012 kam es zu einem ersten Closed Beta Test, allerdings wurde das Projekt 2013 aufgrund von Insolvenzen von Geldgebern eingestellt.

Ende 2014 begann dann Drago Entertainment, ein kleines Indie-Entwicklerstudio aus Polen, das Projekt wieder aufzunehmen. Nach ein paar Closed Beta Tests wurde es dann letzten Donnerstag im Steam Early Access Programm an die Öffentlichkeit gelassen.

Per Zufall hatte ich davon mitbekommen. Und da ich bei Spielen immer etwas neues suche und neugierig bin, habe ich es mir geholt. Es gibt 3 Editionen: Starter für 19,99, Deluxe für 27,99 und Collector’s für 45,99 Euro. Derzeit bis 17.9. gibts da auch noch 15% Rabatt, also ist man derzeit ab 16,14 Euro dabei. Die teureren Versionen enthalten Vergrößerung des Inventars, mehr Characterslots, Skins und einmalig Credits und Bits. Credits ist die Währung, gegen die man Kosmetische und Vanity-Items kaufen kann, Bits ist die eigentliche Ingame-Währung. Ursprünglich war geplant, dass Credits nur gegen bares Geld zu bekommen ist, und sich das Spiel über einen Item-Shop finanziert (der auch noch im UI drin ist). Gamigo ist schließlich ein F2P-Spezialist 🙂 Das möchte Drago aber nicht machen. Sie haben schon versprochen, dass es Quests zum Erlangen von Credits geben wird. Des weiteren enthält die Collector’s Edition den Zugang zu einem exklusiven Bereich (Bar) mit exklusiven Quests, was aber beides noch nicht ingame ist.

Das Bezahlmodell ist noch nicht abschließend festgelegt. Es wird aber wohl auf ein Buy 2 Play, im (ehemaligen) Stil von GW2 hinauslaufen, bei dem für zusätzlichen (kosmetischen) DLC gezahlt wird, behaupte ich mal, so wie ich das aus den Aussagen rauslese.

Eins möchte ich ganz klar schon jetzt sagen: Dafür, dass da schon so viele Closed Betas gelaufen sind, ist das Ding noch verbuggt wie die Hölle. Erstaunlicherweise eher seltener bei den Quests (da kenne ich selbst von WoW-Betas viel schlimmere Zustände), sondern technisch. Wer sich also wie ich auf das Spiel jetzt schon einlassen will, der muss verdammt resistent gegenüber Freezes, Crashes, Kicks, Loading Screens of Death, Lock ups und Stucks sein. Wehe, es heult mich nachher jemand zu, dann beiß ich 🙂

Warum ich das trotzdem hier vorstelle? Weil ich eine Menge Spaß mit dem Spiel hatte an diesem Wochenende und sehr viel Potential darin sehe. Außerdem sehe ich gerne Dingen zu, wenn sie entstehen 🙂

Das Setting ist natürlich einzigartig. Ich habe wirklich schon viele MMOs gespielt, aber Cyberpunk ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Da ich über die Romanreihe schon vieles gehört hatte, und die auf meiner ToDo-Liste stand, habe ich also mal zugegriffen. Sowohl bei Spiel, als auch bei Hörbuch. Wobei es ja in diesem Fall ein Hörspiel ist. Da ich da noch nicht weit bin, kann ich also wenig über den Bezug zur Romanvorlage sagen, bzw. wie gut es umgesetzt ist, und ob es etwas kaputt macht. Das Feedback hierüber aus der Community ist bis auf die üblichen Fanatiker durchaus positiv: Man trifft die Figuren aus den Büchern, sie sind auch Teil der Handlung und Questlines, aber es „berührt“ die Bücher nicht storybezogen. Es macht also nichts kaputt, und von der Umsetzung des Settings her habe ich schon ein „That’s the way it should look like“ gelesen.

Die Unreal Engine 3 ist natürlich nicht mehr neuester Hipster-Stand der Technik, von daher gibts natürlich keine fancy DX12 hyper Grafik. Aber sie braucht sich auch nicht zu verstecken, ganz im Gegenteil. Ein passend steriler Start, ein Datenfriedhof im Tutorial und später die blitzblanke Lambda Mall. Einer der Community nannte sie schon JJ Abrams Mall wegen dem ganzen Lens Flare 🙂 Die Lambda Mall ist dabei der zentrale Hub des Spiels. Ich dachte ja wirklich zuerst, dass sie zu „sauber“ ist für Cyberpunk. Aber trotzdem nicht einfach bunti-neon hingeklatsscht. Jede Ecke scheint eine Geschichte erzählen zu wollen, die aber natürlich noch nicht alle implementiert sind. Aber doch schon einige Bars und Clubs. Ebenso wie einige Shops, Bank und ein Auktionshaus. Diesen gemein ist, dass sie meinen Rechner noch zum Einfrieren bringen, aber daran wird ja gearbeitet 🙂 Es wirkt alles sehr stimmig, da man mit Reizen überflutet wird. Das ist wirklich gut gemacht, und so stelle ich mir das Herz einer Cyberspace-Stadt vor. Nichtsdestotrotz: Das schmutzige am Cyberpunk vermisste ich zuerst. Aber nur zuerst 🙂

Ich schritt also voran und lernte mein Appartment kennen. Oder besser gesagt meinen UISpace. Ja, es gibt schon Housing! Es sieht auf den ersten Blick von der Struktur her aus, wie die Garnisonen in WoW. Jeder hat ein eigenes Appartment, welchem er verschiedene Module hinzufügen kann. Über die dekorativen Gestaltungsmöglichkeiten und den Grad der Individualisierung kann ich natürlich so früh noch nichts sagen. Ebenso habe ich auch noch nicht das eDNA-System wirklich verstanden, geschweige denn benutzt, mit dem man sich wohl NPCs und Gegenstände, deren Cyber-DNA man extrahiert, irgendwie recraften kann.

Weiter ging es ins erste Questgebiet. Oder Simulation, wie das hier besser heißt. Spontan hat mich das erste Gebiet an Pandaria erinnert, und sah richtig schön aus. Was mir hier zum ersten Mal auffiel, waren die NPCs. Irgendwie blinkte und glitzerte in der Mall alles zu sehr, als dass es mir aufgefallen wäre, aber: Die NPCs wirken erstaunlich lebendig. Sie gehen ihren Aufgaben nach, und die Animationen sind auffallend detailliert gemacht. Es war sogar ohne Player-Indikator (also Freitag und Samstag morgen) echt schwer, Spieler von NPCs zu unterscheiden. Die Quests waren jetzt nicht die Neuerfindung des Rades, sondern natürlich wie in 95% aller MMORPGs „Töte 12 Wölfe“, „Bringe A nach B“ und „Suche C“. Aber erstens funktionieren nunmal 95% aller MMORPGs so, und schön verpackt in Story gefällt mir das.

Ein Stück weiter in der Story geht es dann auch in die dreckigen Ecken. Und auch das sieht wieder sehr stimmig aus. Zwielichtige NPCs, düstere Gassen, sodass sich noch nichtmal die Müllabfuhr hier herwagt. So gehört sich das. Und da das Setting ja fast beliebige Freiheit bietet, bin ich mal auf die anderen Gebiete gespannt.

Apropos Gebiete: Das Spiel ist natürlich kein Open World Spiel. Dank des Settings würde das aber auch keinen Sinn machen, und so wirkt die Welt doch persistent, obwohl man oft durch Portale geht. Die Portalesprünge sind dabei derzeit aber leider technisch noch Glückssache 🙂 Wobei es schon ein gutes Stück besser geworden ist. Meistens klappen sie tatsächlich mittlerweile! Das sah Freitag noch ganz anders aus 🙂

Das Kampfsystem fühlt sich bislang wie Mittelmaß an. Es gibt keine Talente, und man kann einfach neue Skills und Skillränge bei einem Trainer kaufen, wenn man im Level aufgestiegen ist. Dabei kann man zwischen 4 Klassen wählen: Zwei Nahkämpfer, wovon der eine mehr Tank und der andere mehr DD ist (also Kriege und Schurke), und zwei Fernkämpfer, von denen der eine DD und der andere ein guter Heiler ist (also Magier und Priester). Also Standardware. Sehr positiv anzumerken ist aber, dass man schon sehr früh im Tutorial, bevor man seine Klasse auswählt, alle 4 antesten kann. Etwas, was mich bei den meisten MMORPGs ankotzt: Du hast das Spiel noch keine 5 Minuten gespielt, und sollst schon eine so schwere Entscheidung treffen, auf welche Art Du den Rest des Spiels kämpfen willst. Aber hier steht für jede Klasse eine kleine Arena bereit, in der man austesten kann, wie sich die Klasse anfühlt. Das Kampfsystem hat ein paar nette kleine Tweaks, wie zum Beispiel die Attacken zum Aufladen. Aber erwartet da (noch) nichts spannendes, oder etwas spektakuläres. Normale MMO-Hausmannskost eben.

Ganz anders bei der Charactergestaltung! Erst dachte ich, dass der erste Metamorph (sowas wie ein Cyber-Charactereditor), der einem begegnet im Tutorial, ziemlich dünn ist. Ein Körperformdreieck und Körpergröße kann man da neben dem Skin (was auch gleichzeitig das Geschlecht bestimmt) auszuwählen. Das war zuerst nicht viel. Aber: Das wird später mehr, und die Gestaltungsmöglichkeiten sind jetzt schon ziemlich viele, kosten allerdings auch meistens Credits natürlich. Das macht ja auch Sinn im Cyberspace, dass man sich stetig verändern kann, wie man einfach Lust hat. Nicht wie bei einem realen Körper, der ja bei der „Geburt“ festgelegt wird. Wenn der Metamorph in der Lambda Hall nicht das komplette Spiel auf 1 Frame pro 20 Sekunden einfriert (wie bei mir), dann kann man sich da schon die Vielfalt ansehen (Tip für Leute, bei denen es freezed: Dem Spiel nur einen core der cpu geben, dann ist es zwar langsam, aber das Einfrieren hört auf).

Auslassen in dieser Vorstellung werde ich das Crafting, Clans und Clankriege. Das habe ich schlichtweg noch nicht gemacht. Allerdings soll es für PvP sowohl Open-PvP geben (was man aktivieren kann, man wird nie zu PvP gezwungen), eine FFA-Arena und Battlegrounds geben. Wie gesagt: Noch nicht angeschaut 🙂

Die Atmosphäre und damit Immersion in diesem Spiel ist einfach stark. Dazu trägt auch der Soundtrack bei. Bei den Sounds sind zwar einige nervige dabei, wenn man z.B. Leben regeneriert, aber der Soundtrack ist wirklich Hammer. Hoffentlich veröffentlichen sie den als DLC. Den muss ich haben! Die Bitte dazu steht schon im Steam-Forum, und ich bin nicht alleine 🙂

Im Steam-Forum läuft auch die Kommunikation zwischen Studio und Community. Und ich muss sagen, bis auf die üblichen unter Dunning-Kruger leidenden Leute, die nicht wissen, was Early Access ist, ist die Community wirklich angenehm. Ebenso schreiben die Leute vom Studio viel mit. Und zwar nicht nur die CMs, sondern auch die Entwickler. Selbst der CEO schreibt richtig viel in die Foren, das gefällt mir sehr gut. So konnte man schon sehr viel erfahren über die Hintergründe. Zum Beispiel, dass der alte Code, den sie Ende 2014 übernommen haben, hauptsächlich an den Bugs schuld ist. Teilweise haben sie den Code schon neu geschrieben, teilweise werden sie es noch tun. Ebenso haben sie die Quests fix überarbeitet, damit es überhaupt einigermaßen spielbar ist. Sie planen aber noch vor Release eine komplette Überholung der Quests. Auch damit im Hinterkopf, dass die Quests im Moment ein linearer Schlauch von Level 1 bis 39 sind. Nein, 39 ist noch nicht Maxlevel (iirc ist das 64), aber hochgrinden lohnt derzeit nicht, da die Mobs zu wenig XP geben. Dies wollen sie natürlich noch ändern, aber das ist in der Priorität eher hinten. Das wichtigste ist erstmal für sie, das Spiel stabil zu machen, was ich nachvollziehen kann, denn da ist noch einiges zu tun. Allerdings war der Schritt jetzt nötig, um von den diskreten Closed-Beta-Wochenenden (ich denke, man kann das eher Pre-Alpha nennen…) mit wenig Spielern, auf einen dauerhaften Betrieb mit vielen Spielern zu kommen.

Ich will nicht leugnen, dass Early Access immer mit Risiko behaftet ist, dass es nie zum Release kommt. Wem das nicht klar ist, der sollte die Finger von sowas lassen. Aber wenn die Jungs und Mädels von Drago diese völlig verdreckte Perle reinigen und polieren können, dann wird das richtig toll. Ich hoffe, dass sie es schaffen, und als Indie-Studio haben sie sowieso all meine Sympathie. Ich denke nicht, dass das Spiel jemals die großen Skill0r anziehen wird. Aber wer das Setting und die Atmosphäre liebt, dem lege ich das Spiel mit all seinen Macken – und zur Hölle: Das sind noch ganz schön viele – ans Herz. Wenn noch ein paar entsprechende Elemente dazukommen, wie Emotes und alleine die Möglichkeit überhaupt erstmal auf einem Stuhl zu sitzen, dann wird das auch der Hammer gerade für Rollenspieler.

tl;dr

– Derzeit Buy 2 Play, endgültiges Zahlmodell steht noch nicht ganz fest, wird aber wohl B2P mit DLC sein
– Technisch gesehen eine ziemlich verbugte Alpha-Version
– Spielt in der Cyberwelt der Otherland-Romane
– Kein Open World, sondern Simulationen (Zonen) ganz im Cyber-Stil
– Quests sind derzeit noch ein Questschlauch von Anfang bis Ende, das soll aber vor Release überarbeitet werden
– Unreal Engine 3
– Abwechslungsreiche Zonen
– Kein Talentsystem, durchschnittliches Skill- und Kampfsystem
– Einzigartiges Setting und stimmige, immersive Atmosphäre
– Housing und craften von NPCs und Dingen per eDNA
– Clans und Clankriege, PvP-Battlegrounds
– Viele Character-Gestaltungsmöglichkeiten
– Gute Story
– Sehr guter Soundtrack, teilweise weniger gute Soundeffekte
– Kleines Indie-Entwicklerteam, das sich nicht versteckt
– Angenehme Community
– Ich sehe da viel Potential, Early Access ist aber auch immer ein Risiko

Mangels wirklich guter Screenshots meinerseits gibts den Early Access Launch Trailer:

Update: Der Grund für die Freezes ist gefunden und der temporäre Workaround funzt bei mir!

 

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